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Nach gescheiterter Hinrichtung von Christa Pike: Strafvollzugschef tritt zurück
Die gescheiterte Hinrichtung der US-Amerikanerin Christa Pike zieht erste personelle Konsequenzen nach sich. Frank Strada, Chef der Strafvollzugsbehörde des Bundesstaates Tennessee, hat seinen Rücktritt angekündigt. Während Pike weiterhin bewusstlos im Krankenhaus behandelt wird, soll nun eine unabhängige Untersuchung klären, was in der Hinrichtungskammer tatsächlich geschah. Brisant dabei: Die Behörde beharrt bislang darauf, das vorgeschriebene Hinrichtungsprotokoll eingehalten zu haben.
Nur wenige Tage nach dem gescheiterten Versuch, die zum Tode verurteilte Christa Pike mit einer Giftspritze hinzurichten, gibt es eine erste hochrangige personelle Konsequenz. Frank Strada, Commissioner des Tennessee Department of Correction und damit oberster Verantwortlicher für den staatlichen Strafvollzug, wird sein Amt noch im Oktober niederlegen.
Gouverneur Bill Lee bestätigte den Rücktritt am Samstag. Strada erklärte, sein Ausscheiden liege im Interesse der Bevölkerung Tennessees, während eine unabhängige Untersuchung des Hinrichtungsversuchs durchgeführt werde.
Bemerkenswert ist allerdings: Strada hält weiterhin daran fest, dass die Mitarbeiter seiner Behörde ihre Aufgaben entsprechend dem bestehenden Hinrichtungsprotokoll erfüllt hätten.
Damit steht inzwischen eine entscheidende Frage im Raum: Kann ein Hinrichtungsprotokoll ordnungsgemäß eingehalten worden sein, wenn die vorgesehene Hinrichtung nach zwei Dosen Pentobarbital nicht zum Tod der Verurteilten führt und diese anschließend bewusstlos und beatmungspflichtig in ein Krankenhaus eingeliefert werden muss?
Quellen: Reuters | Associated Press
Zwei Dosen Pentobarbital – doch Pike überlebte
Christa Pike sollte am 30. September im Riverbend Maximum Security Institution in Nashville hingerichtet werden. Die 50-Jährige war wegen des Mordes an der 19-jährigen Colleen Slemmer zum Tode verurteilt worden.
Nach den bislang bekannten Angaben erhielt Pike während des Hinrichtungsversuchs zwei Dosen Pentobarbital. Der erwartete Tod trat jedoch nicht ein.
Pike verlor das Bewusstsein, atmete jedoch weiter. Schließlich wurde der Hinrichtungsversuch beendet und sie in ein Krankenhaus gebracht.
Nach Angaben ihrer Anwälte befindet sie sich weiterhin in kritischem Zustand. Sie sei bewusstlos, intubiert und werde künstlich beatmet. Das Krankenhaus versuche, ihr Leben zu retten und das verabreichte Pentobarbital aus ihrem Körper zu eliminieren.
Quelle: Associated Press – Hintergründe zur gescheiterten Hinrichtung
Mindestens sieben Einstiche – Anwälte vermuten Probleme mit den IV-Zugängen
Besonders schwer wiegen die inzwischen bekannt gewordenen Angaben über Pikes Zustand nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus.
Ihre Anwälte berichten von erheblichen Verletzungen an beiden Armen. Diese seien geschwollen sowie verbrannt und mit Blasen übersät gewesen.
Während der Vorbereitung der Hinrichtung soll es erhebliche Schwierigkeiten gegeben haben, geeignete intravenöse Zugänge zu legen. Pikes Anwalt Randy Spivey erklärte, mindestens sieben Einstichstellen an ihrem linken Arm gezählt zu haben. Bei einem der Versuche soll eine Nadel beim Herausziehen sichtbar verbogen gewesen sein.
Die Anwälte vermuten deshalb, dass mindestens ein intravenöser Zugang nicht korrekt lag beziehungsweise eine Vene versagte. Dadurch könnte Pentobarbital ganz oder teilweise nicht unmittelbar in die Blutbahn, sondern in das umliegende Gewebe gelangt sein.
Ob dies tatsächlich die Ursache für das Scheitern der Hinrichtung war, ist bislang nicht abschließend festgestellt. Die Darstellung stammt von Pikes Anwälten. Die staatlichen Behörden haben bislang keine abschließende Erklärung für das Scheitern vorgelegt.
Quellen: Associated Press | Washington Post
Behörde beharrt auf Einhaltung des Protokolls
Das Tennessee Department of Correction vertritt weiterhin die Position, dass die vorgesehenen Abläufe eingehalten worden seien. Auch der zurückgetretene Behördenchef Frank Strada erklärte, er glaube weiterhin, dass seine Behörde ihre Aufgaben entsprechend dem festgelegten Protokoll erfüllt habe.
Genau diese Aussage dürfte nun einer besonders intensiven Prüfung unterzogen werden.
Denn die formale Einhaltung einzelner Schritte bedeutet nicht zwangsläufig, dass auch sämtliche medizinischen Voraussetzungen für deren Durchführung gegeben waren.
Sollte beispielsweise Pentobarbital über einen fehlerhaft liegenden Zugang verabreicht worden sein, wäre entscheidend, ob Mitglieder des Hinrichtungsteams dies erkannten oder hätten erkennen müssen – und welche Maßnahmen anschließend getroffen wurden.
Quelle: Reuters
Anwälte wollen sämtliche Beweismittel sichern
Pikes Anwälte haben inzwischen bei einem Gericht beantragt, das Tennessee Department of Correction zur Sicherung sämtlicher relevanter Beweismittel im Zusammenhang mit dem Hinrichtungsversuch zu verpflichten.
Die Beweissicherung könnte für spätere gerichtliche Verfahren von erheblicher Bedeutung sein. Insbesondere könnte rekonstruiert werden, wie die intravenösen Zugänge gelegt wurden, welche Probleme während der Durchführung auftraten und zu welchem Zeitpunkt die einzelnen Medikamente verabreicht wurden.
Quelle: CBS News
Bereits zweiter gescheiterter Hinrichtungsversuch in diesem Jahr
Für Tennessee ist der Fall besonders brisant, weil Pike bereits die zweite zum Tode verurteilte Person innerhalb weniger Monate ist, deren Hinrichtung nicht wie vorgesehen durchgeführt werden konnte.
Bereits im Mai scheiterte die geplante Hinrichtung von Tony Carruthers. Damals gelang es dem Hinrichtungsteam nicht, die notwendigen intravenösen Zugänge herzustellen.
Auch weiter zurück reichen die Probleme mit Tennessees Hinrichtungssystem. Bereits 2022 setzte Gouverneur Bill Lee Hinrichtungen aus. Eine anschließend durchgeführte unabhängige Untersuchung stellte fest, dass der Bundesstaat seine eigenen Vorgaben für Hinrichtungen nicht vollständig eingehalten hatte.
Quelle: Associated Press
Ausgerechnet Ed Stanton soll erneut untersuchen
Nun soll derselbe Ermittler erneut untersuchen, was im Fall Christa Pike geschehen ist.
Gouverneur Bill Lee hat den früheren US-Staatsanwalt Ed Stanton mit einer unabhängigen Untersuchung beauftragt. Stanton hatte bereits die Untersuchung nach den Problemen von 2022 geleitet und damals festgestellt, dass Tennessee die eigenen Hinrichtungsvorschriften nicht vollständig eingehalten hatte.
Die Untersuchung dürfte deshalb nicht nur die Ereignisse des 30. September betreffen. Auch die Organisation, Ausbildung und Vorbereitung des Hinrichtungsteams könnten eine Rolle spielen.
Gouverneur Lee hat weitere Hinrichtungen zunächst gestoppt.
Quelle: Associated Press
Stradas Vergangenheit sorgt zusätzlich für Diskussionen
Auch die berufliche Vergangenheit des zurückgetretenen Behördenchefs Frank Strada steht inzwischen verstärkt im Fokus.
Bevor Strada 2023 die Leitung des Tennessee Department of Correction übernahm, war er in leitender Funktion im Strafvollzug von Arizona tätig. Dort kam es bei mehreren Hinrichtungen im Jahr 2022 ebenfalls zu Schwierigkeiten bei der Herstellung intravenöser Zugänge.
Pikes Anwälte und Gegner der Todesstrafe sehen darin Hinweise auf grundsätzlichere Probleme. Daraus folgt allerdings nicht automatisch eine persönliche rechtliche Verantwortlichkeit Stradas für das Geschehen bei Pikes Hinrichtungsversuch.
Sein Rücktritt nur wenige Tage nach dem Vorfall erhöht dennoch den politischen und öffentlichen Druck auf die Strafvollzugsbehörde erheblich.
Quelle: The Guardian
Untersuchung muss klären, was tatsächlich geschah
Der Rücktritt Stradas ist für sich genommen noch kein Beweis dafür, dass Mitarbeiter des Tennessee Department of Correction gegen das Hinrichtungsprotokoll verstoßen haben.
Er zeigt jedoch, welche Dimension der Fall inzwischen erreicht hat: Der oberste Verantwortliche des staatlichen Strafvollzugssystems verlässt sein Amt, der Gouverneur hat weitere Hinrichtungen gestoppt und ein unabhängiger Ermittler soll rekonstruieren, warum eine Hinrichtung nach der Verabreichung von zwei Dosen Pentobarbital scheiterte.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr nur, ob einzelne Punkte eines schriftlichen Protokolls formal abgearbeitet wurden.
Entscheidend dürfte vielmehr sein, ob die Verantwortlichen medizinisch und organisatorisch sicherstellen konnten, dass die Voraussetzungen für die Verabreichung des Pentobarbitals tatsächlich gegeben waren – und ob während der Hinrichtung Warnzeichen erkannt oder übersehen wurden.
Sollte Pike überleben, dürfte sich anschließend zudem die Frage stellen, ob Tennessee einen weiteren Hinrichtungsversuch unternehmen darf und unter welchen Voraussetzungen dieser verfassungsgemäß durchgeführt werden könnte.
Sollte sie hingegen an den Folgen der Medikamentengabe oder der während des Hinrichtungsversuchs entstandenen Komplikationen sterben, dürfte sich die juristische Aufarbeitung insbesondere auf die Verantwortlichkeit für den ungewöhnlichen Verlauf konzentrieren.
Noch sind diese Fragen nicht beantwortet.
Fest steht jedoch: Eine Hinrichtung, die nach zwei Dosen Pentobarbital mit einer weiterhin lebenden, bewusstlosen und künstlich beatmeten Gefangenen im Krankenhaus endete, hat Tennessee erneut in eine schwere Krise seines Hinrichtungssystems gestürzt.
Mit dem Rücktritt Frank Stradas hat diese Krise nun auch eine unmittelbare personelle Konsequenz.
Quellen und weiterführende Informationen
- Reuters: Tennessee prison chief resigns after failed execution
- Associated Press: Tennessee’s prisons chief is resigning after failed execution of Christa Pike
- Associated Press: What to know about Christa Pike and her failed lethal injection execution attempt
- CBS News: Tennessee prison system head to resign after failed Christa Pike execution
- WELT/dpa: Gefängnischef tritt nach gescheiterter Hinrichtung zurück
- The Guardian: Stradas Rolle bei früheren problematischen Hinrichtungen
