AfD: Gündungskonferenz Gießen

[FPA SWN • Deutschland]

AfD gründet neue Jugendorganisation „Generation Deutschland“ in Gießen
Massenproteste und Zusammenstöße überschatten Kongress

Gießen, 30. November 2025 – Inmitten massiver Proteste und gewaltsamer Auseinandersetzungen hat die Alternative für Deutschland (AfD) am Samstag ihre neue Jugendorganisation „Generation Deutschland“ (GD) in den Hessenhallen der Universitätsstadt Gießen gegründet. Der Gründungskongress, an dem rund 840 Teilnehmer teilnahmen, markiert den Versuch der Partei, nach der Auflösung der als rechtsextrem eingestuften „Jungen Alternative“ (JA) einen enger an die Mutterpartei gebundenen Nachwuchsverband zu etablieren. Die Veranstaltung, die mit über zweistündiger Verspätung begann, wurde von Zehntausenden Demonstranten aus dem gesamten Bundesgebiet begleitet, die mit Blockaden und Kundgebungen gegen die AfD antraten.

Erfolgreiche Gründung trotz Behinderungen

Der Kongress startete erst gegen 12 Uhr, nachdem zahlreiche AfD-Mitglieder und Gäste durch Straßenblockaden und Demonstrationszüge behindert wurden. Die Teilnehmer verabschiedeten einstimmig ein neues Jugendstatut, das die GD als „rechtlich unselbständigen Teil der Partei“ definiert. Im Gegensatz zur JA, die als eigenständiger Verein agierte und 2023 vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ klassifiziert wurde, ist die Mitgliedschaft in der GD nun ausschließlich AfD-Mitgliedern unter 36 Jahren vorbehalten. Verstöße gegen Parteiregeln können bis hin zum Ausschluss geahndet werden.

Zum neuen Bundesvorsitzenden wurde der 28-jährige Brandenburger Landtagsabgeordnete Jean-Pascal Hohm gewählt, der vom brandenburgischen Verfassungsschutz als Rechtsextremist beobachtet wird. Als hessischer Vertreter im Bundesvorstand rückte der 27-jährige Nafiur Rahman aus Bad Vilbel ein. AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla und Co-Sprecherin Alice Weidel hielten Grußworten und betonten die Rolle der GD als „Kaderschmiede“ für künftige Regierungsverantwortung, insbesondere mit Blick auf die Landtagswahlen 2026 in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Weidel kritisierte die Proteste scharf als „zutiefst undemokratisch“ und forderte eine stärkere Ausbildung zukünftiger Funktionsträger.

Der Kongress endete am frühen Abend mit Bier und Musik, doch die Stimmung war von der Außensituation geprägt. Die AfD begründete die Wahl Gießens mit der zentralen Lage, was die Stadt jedoch vor Herausforderungen stellte – die Vermietung der Halle durch die private Messegesellschaft war bereits im Vorfeld umstritten.

Massenproteste: 25.000 bis 30.000 Teilnehmer blockieren die Stadt

Die Gründung löste bundesweiten Widerstand aus. Nach Polizeiangaben demonstrierten 25.000 bis 30.000 Menschen in und um Gießen, darunter Gewerkschaften wie der DGB, das Bündnis „Widersetzen“ und zivilgesellschaftliche Gruppen. Die Organisatoren sprachen von bis zu 50.000 Teilnehmern. Über 20 Kundgebungen und Demonstrationszüge waren angemeldet, die Autobahnen, Bundes- und Landstraßen blockierten. Die Stadt riegelte Straßen und Brücken ab, hob die Präsenzpflicht an Schulen auf und bot Parkplätze an der Justus-Liebig-Universität an, um den Verkehr zu entlasten.

Während die meisten Proteste friedlich verliefen, eskalierte die Lage an mehreren Stellen. Demonstranten warfen Steine und Gegenstände auf Polizisten, die mit Pfefferspray, Wasserwerfern und Tränengas reagierten. Das Uniklinikum Gießen-Marburg behandelte etwa 15 leicht verletzte Demonstranten ambulant; es gab auch Verletzungen bei Beamten. Innenminister Roman Poseck (CDU) sprach von „mehreren Hundert gewaltbereiten Demonstranten“ und lobte den Einsatz von Tausenden Polizisten aus 15 Bundesländern als einen der größten in der Hessengeschichte. Berichte über Attacken auf Journalisten, darunter ein Reporter-Team von Tichys Einblick, und Vorfälle wie ein Auto mit AfD-Anhängern, das in eine Demo fuhr, unterstreichen die Spannungen.

Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher (SPD) zog ein ambivalentes Fazit: „Es gibt Bilder eines sehr wuchtigen und teilweise gewaltvollen Widerstands gegen die Gründung der AfD-Jugend.“ Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kritisierte die Auseinandersetzungen und forderte mehr Schutz für demokratische Versammlungen. Die Innenstadt blieb weitgehend leer; Geschäfte schlossen aus Angst vor Ausschreitungen, und der Weihnachtsmarkt hatte kaum Besucher.

Politische Debatte: Demokratie im Spannungsfeld

Die Ereignisse in Gießen werfen Fragen zur Balance zwischen Versammlungsfreiheit und öffentlicher Sicherheit auf. Die Stadt hatte eine Demoverbotszone im Westen der Stadt eingerichtet, was vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof bestätigt wurde, um die AfD-Veranstaltung zu schützen – eine Entscheidung, die von Kritikern als versammlungsfeindlich bezeichnet wird. Die AfD sah in den Blockaden einen Angriff auf die Demokratie, während Protestierende den Kongress als Förderung von „völkischem Nationalismus und Rassismus“ brandmarkten.

Im Umfragetief der AfD – aktuell bei 27 Prozent im INSA-Trend für BILD – könnte die Gründung der GD als Signal für den Aufbau von Nachwuchskräften dienen. Kritiker wie die Gewerkschaft GEW Hessen warnen jedoch vor der Radikalisierung junger Menschen durch AfD-Ideen zu Migration, Klimawandel und Sozialpolitik.

Die Proteste sollen am Sonntag mit weiteren Kundgebungen fortgesetzt werden. Gießen, das bereits im Februar 2025 mit 13.000 Teilnehmern gegen den Rechtsruck demonstrierte, bleibt Symbolort des Widerstands gegen Rechtsextremismus.